Wie fühlt es sich an, in einer Zeit zu leben, in der Mut gefährlich und Zivilcourage lebensgefährlich sein konnte? Diese Frage stand im Mittelpunkt eines außergewöhnlichen Projekts der Fachschaft Geschichte der Ursulinenschulen Werl. Für eine Woche verwandelte sich das Alte Kloster in die Stadt Münster des Jahres 1941 – in eine Welt unter dem Schatten des Nationalsozialismus.

Ein authentisches Erlebnis im Alten Kloster

Zwei aufwendig und mit Liebe zum Detail gestaltete Escape Rooms versetzten die Schülerinnen und Schüler aus den Jahrgangsstufen 10, EF und Q 1 des Gymnasiums sowie aus den zehnten Klassen der Realschule in die Zeit des „Dritten Reichs“. Originalgetreu eingerichtete Räume – etwa mit alten Möbeln, Volksempfängern und historischen Alltagsgegenständen – bildeten das Wohnzimmer von Karl Kortenkamp, dem fiktiven Gruppenleiter einer verbotenen Pfadfindergruppe. Die Jugendlichen erfuhren zu Beginn, dass Kortenkamp am frühen Morgen von der Gestapo verhaftet worden war. Ihre Aufgabe: In nur einer Stunde sollten sie die letzte Predigt des Münsteraner Bischofs Clemens August Graf von Galen finden – jene Predigt, in der dieser mutig das Euthanasieprogramm der Nationalsozialisten anprangerte. Karl hatte sie auf Flugblättern vervielfältigt. Die Zeit lief – die Gestapo würde bald zurückkehren.

Teamgeist, Taktik und Technikverständnis gefragt

Um das Ziel zu erreichen, mussten die Gruppen drei Rätsel lösen, Codes entziffern, Schlösserkombinationen knacken und historische Technik zum Leben erwecken. So galt es, ein altes Telefon mit Wählscheibe wieder funktionsfähig zu machen, versteckte Hinweise hinter Wanduhr und auf Postkarten zu finden und über eine Schreibmaschine geheime Botschaften zu entschlüsseln. Über eine Live-Schaltung standen die Gruppen zudem mit Paul Kortenkamp in Kontakt, der als Bruder des Inhaftierten wichtige Hinweise gab und sie dazu aufforderte, die Flugblätter unbedingt zu verteilen. Sein Gegenspieler war Herr Küchlein, Karls bester Freund und Gasthofbesitzer, ein ängstlicher Mensch, der die Jugendlichen vor dem Verteilen der Flugblätter warnte und sich für ihre Vernichtung stark machte. Gespielt wurden diese beiden gegensätzlichen Charaktere von Mitgliedern des pädagogischen Teams, die das Geschehen per Kamera und Mikro begleiteten. Und am Ende standen die Schülerinnen und Schüler vor der schwierigen Entscheidung: Sollten sie mutig die Flugblätter mit der letzten Predigt des Bischofs von Galen verteilen – und damit ihr eigenes Leben riskieren – oder sie vernichten, um sich selbst zu schützen? Die Abstimmungen innerhalb der Gruppen fielen oft denkbar knapp aus. In der anschließenden Reflexionsrunde beeindruckten die Jugendlichen durch ihre ehrlichen und tiefgehenden Überlegungen.

Zivilcourage damals und heute

Die Auseinandersetzung mit den Fragen von Mut, Angst und Verantwortung führte schnell in die Gegenwart. Was bedeutet Zivilcourage heute – in einer Zeit, in der Hasskommentare und Ausgrenzung in den sozialen Medien zum Alltag gehören? So wurde aus der historischen Erfahrung ein Lernmoment von hoher Aktualität: Die Verteidigung von Menschenwürde und Meinungsfreiheit ist und bleibt eine Aufgabe jeder Generation.

Ein Zeichen gegen Rassismus und Hass

Das Projekt „Löwe von Münster“ war mehr als ein kreatives Geschichtsformat – es war eine eindrucksvolle Erfahrung, wie Geschichte auf lebendige, emotionale und interaktive Weise erfahrbar werden kann. Die Schülerinnen und Schüler tauchten in das Schicksal ihrer Protagonisten ein, erlebten

Geschichte hautnah und setzten ein starkes Zeichen für Mut, Empathie und gegen Gleichgültigkeit. Ein beeindruckendes Beispiel dafür, wie Schule junge Menschen zu selbstbewusstem Denken, Fühlen und Handeln in unserer Demokratie befähigen kann.

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